Digitale Patientenaufklärung im Informed Consent: Randomisierte Studie zur Hüfttotalendoprothese

Eine ausreichende Patientenaufklärung ist eine zentrale Voraussetzung für einen rechtskonformen und ethisch fundierten Informed-Consent-Prozess. Insbesondere bei elektiven, hochfrequenten Eingriffen wie der Hüfttotalendoprothese (Total Hip Arthroplasty, THA) stellt sich die Frage, wie Patientinnen und Patienten komplexe Inhalte zu Operationsablauf, Alternativen und Risiken möglichst verständlich vermittelt bekommen.

Vor diesem Hintergrund untersuchten von Hertzberg-Boelch et al. in einer aktuellen randomisierten kontrollierten Studie, ob ein zusätzlich eingesetztes Aufklärungsvideo die Qualität der Patientenaufklärung im Rahmen des Informed Consent vor einer Hüfttotalendoprothese verbessern kann. Die Studie wurde 2025 in der Fachzeitschrift International Orthopaedics publiziert (s00264-025-06503-6).

Studiendesign: Randomisierte kontrollierte Untersuchung zur digitalen Patientenaufklärung

Die prospektive, randomisierte Single-Center-Studie schloss Patientinnen und Patienten ein, die für eine primäre Hüfttotalendoprothese vorgesehen waren. Die Teilnehmenden wurden randomisiert in zwei Gruppen:

  • Kontrollgruppe: Standardisierter Informed-Consent-Prozess auf Basis eines schriftlichen Aufklärungsbogens, ergänzt durch ein ärztliches Aufklärungsgespräch
  • Interventionsgruppe: Standardprozess plus ein zusätzliches, 18-minütiges Aufklärungsvideo, das den Patientinnen und Patienten vor stationärer Aufnahme digital zur Verfügung gestellt wurde

Das ärztliche Personal, das die Aufklärung bei Aufnahme durchführte, war nicht über die Gruppenzugehörigkeit informiert. Die Wirkung des Aufklärungsvideos wurde unmittelbar nach Abschluss des Informed-Consent-Prozesses mithilfe standardisierter Fragebögen erhoben.

Endpunkte: Patientenverständnis, subjektives Wissen und emotionales Erleben

Primärer Endpunkt der Studie war das objektiv gemessene Patientenverständnis der relevanten Aufklärungsinhalte. Dieses umfasste vier Kernbereiche des Informed Consent:

  • Erklärung des Eingriffs
  • Beteiligung an der Entscheidungsfindung
  • Behandlungsalternativen
  • Risiken und Komplikationen

Sekundäre Endpunkte waren:

  • das subjektiv eingeschätzte Wissen der Patientinnen und Patienten
  • das emotionale Befinden im Hinblick auf Angst, Zufriedenheit und Vorbereitung auf den Eingriff

Ergebnisse: Signifikante Verbesserung des Patientenverständnisses durch Aufklärungsvideo

Insgesamt wurden 74 Patientinnen und Patienten rekrutiert, bis in beiden Gruppen ausreichend vollständig ausgefüllte Fragebögen vorlagen.

Das zentrale Ergebnis der Studie zeigt eine signifikante Verbesserung des objektiven Patientenverständnisses durch den Einsatz eines Aufklärungsvideos:

  • Interventionsgruppe: 86,5 % korrekt beantwortete Wissensfragen
  • Kontrollgruppe: 78,6 % korrekt beantwortete Wissensfragen
  • Statistische Signifikanz: p = 0,014

Besonders ausgeprägt war der Effekt in den für den Informed Consent rechtlich besonders relevanten Bereichen:

  • Behandlungsalternativen: signifikante Verbesserung um 17 %
  • Risiken und Komplikationen: signifikante Verbesserung um 10,3 %

Damit zeigte sich, dass digitale Patientenaufklärung insbesondere dort wirkt, wo klassische schriftliche Aufklärungsbögen häufig als überfordernd oder unzureichend wahrgenommen werden.

Kein negativer Einfluss auf subjektives Wissen und emotionales Erleben

Entgegen häufiger Befürchtungen führte das zusätzliche Aufklärungsvideo nicht zu einer Zunahme von Angst oder emotionaler Belastung. Weder das subjektiv empfundene Wissen noch das emotionale Befinden unterschieden sich signifikant zwischen den beiden Gruppen:

  • Subjektives Wissen: p = 0,986
  • Emotionaler Komfort: p = 0,333

Die Autoren betonen ausdrücklich, dass eine verbesserte sachliche Informiertheit nicht auf Kosten des emotionalen Wohlbefindens der Patientinnen und Patienten ging.

Einordnung: Bedeutung für Informed Consent und klinische Praxis

Die Ergebnisse reihen sich konsistent in die bestehende Evidenz ein, wonach audiovisuelle Informationsformate das Patientenverständnis im Informed-Consent-Prozess verbessern können. Im Unterschied zu früheren Untersuchungen fokussiert diese Studie erstmals spezifisch auf die Hüfttotalendoprothese.

Besonders relevant ist der Hinweis der Autoren, dass standardisierte Aufklärungsvideos nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zu einer Standardisierung der Aufklärungsqualität beitragen können. Dies ist vor dem Hintergrund zunehmender rechtlicher Anforderungen, variierender ärztlicher Erfahrung und wachsender Informationsdichte von hoher praktischer Bedeutung.

Schlussfolgerung der Studie: Digitale Patientenaufklärung als sinnvolle Ergänzung

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass der Einsatz eines zusätzlichen Aufklärungsvideos den Informed-Consent-Prozess vor einer Hüfttotalendoprothese messbar verbessert. Insbesondere das objektive Verständnis zentraler Inhalte konnte signifikant gesteigert werden, ohne negative Auswirkungen auf das emotionale Erleben der Patientinnen und Patienten.

Aus Sicht der Studienautoren sollten orthopädische Einrichtungen erwägen, digitale Aufklärungsvideos strukturiert in den Informed-Consent-Prozess zu integrieren, um sowohl die Qualität der Patientenaufklärung als auch die rechtliche Absicherung zu stärken

Quelle

Die Studie wurde durchgeführt von Hertzberg-Boelch, S., Fuchs, K., Schubring, J. et al. An informational video for informed consent improves patient comprehension before total hip replacement- a randomized controlled trial. International Orthopaedics (SICOT) 49, 1303–1308 (2025). https://doi.org/10.1007/s00264-025-06503-6

Ähnliche Beiträge