Warum eine elektronische Akte allein nicht reicht: strukturierte Daten statt PDF-Sammlung
ELGA in Österreich und die ePA in Deutschland lösen ein wichtiges Problem: Befunde, Medikationspläne und Arztbriefe sind für Patient:innen und behandelnde Stellen an einem Ort verfügbar, statt auf Papier oder in getrennten Praxissystemen zu verschwinden. Gelöst ist damit aber nur die Frage des Zugriffs – nicht die Frage der Qualität der Daten. Wenn eine elektronische Akte im Kern eine Sammlung eingescannter oder exportierter PDF-Dokumente bleibt, bleibt auch die eigentliche Arbeit unverändert: Jede Ärztin und jeder Arzt muss die relevante Information erneut aus dem Dokument heraussuchen. Genau an diesem Punkt setzt eine strukturierte digitale Anamnese an.
Was leisten ELGA und ePA – und was ist ihre eigentliche Aufgabe?
ELGA und ePA sind Zugriffs- und Speicherinfrastrukturen: Sie stellen sicher, dass medizinische Dokumente über Einrichtungsgrenzen hinweg verfügbar sind, und regeln, wer worauf zugreifen darf. Diese Funktion ist notwendig und in beiden Ländern politisch und regulatorisch verbindlich verankert – die ePA ist in Deutschland seit 1. Oktober 2025 verpflichtend vorzuhalten, ELGA ist in Österreich seit über einem Jahrzehnt im Einsatz. Beide Systeme lösen damit das Verfügbarkeitsproblem der Patientenakte. Sie lösen nicht automatisch das Strukturproblem: Ob ein Dokument in der Akte maschinell auswertbar ist oder nur als Bilddatei bzw. PDF vorliegt, hängt davon ab, wie und wo die zugrunde liegenden Daten ursprünglich erfasst wurden.
Warum macht eine PDF-Sammlung noch keine strukturierte Akte?
Der Präsident des Deutschen Hausarztverbands, Markus Beier, beschreibt die ePA in ihrer aktuellen Praxisrealität nüchtern als „unsortierte PDF-Sammlung“, durch die sich das ärztliche Personal ohne Volltextsuche manuell durcharbeiten muss – mit entsprechendem Zeitaufwand ohne klaren klinischen Zusatznutzen. Das Deutsche Ärzteblatt berichtete im Februar 2026, dass trotz einer Bekanntheit von 94 % in der Bevölkerung weniger als jede fünfte Person die ePA aktiv nutzt; 33 % der Befragten sahen für sich keinen persönlichen Nutzen. Diese Zahlen sind kein Urteil über die Idee der elektronischen Akte, sondern ein Hinweis darauf, dass Verfügbarkeit allein noch keinen Mehrwert im klinischen Alltag erzeugt, wenn die enthaltenen Dokumente nicht strukturiert und durchsuchbar sind.
Was zeigt der Rechnungshof-Bericht zu ELGA konkret?
Der österreichische Rechnungshof kam in seinem Bericht „Potenzial von elektronischer Gesundheitsakte ELGA nicht voll ausgeschöpft“ (Oktober 2024) zu einem vergleichbaren Befund: Acht Jahre nach dem Start standen für Facharztbefunde weiterhin keine strukturierten Dokumente zur Verfügung, die eMedication blieb mit Lücken bei Dosierungsangaben unvollständig, und nur Krankenanstalten lieferten bis Ende 2023 systematisch Befunde in den e-Befund – niedergelassene Fachärzt:innen, Radiologie-Institute und Labore waren noch nicht durchgängig eingebunden. Bei einem budgetierten Aufwand von rund 99 Millionen Euro fehlte laut Rechnungshof zudem eine vollständige Übersicht der tatsächlichen Gesamtkosten.
| Ebene | Was ELGA/ePA leisten | Was zusätzlich strukturierte Erfassung leisten muss |
|---|---|---|
| Zugriff | Zentrale Verfügbarkeit von Dokumenten über Einrichtungsgrenzen hinweg | Vollständigkeit und Aktualität der Angaben zum Zeitpunkt der Erfassung |
| Format | Ablage als Dokument (häufig PDF), teils bereits als MIO | Erfassung strukturierter Einzelwerte statt Freitext an der Quelle |
| Nutzung | Einsicht und Download durch berechtigte Personen | Maschinelle Auswertung, automatischer Abgleich, Vollständigkeitsprüfung |
Was sind medizinische Informationsobjekte – und warum lösen sie das Problem nur teilweise?
Medizinische Informationsobjekte (MIOs) sind der technische Ansatz, mit dem die ePA das PDF-Problem grundsätzlich löst: Statt eines Dokuments überträgt ein MIO strukturierte Einzelwerte – etwa Impfstatus, Wirkstoff oder Dosierung – direkt in die passenden Felder des empfangenden Systems, mit einheitlicher Terminologie (unter anderem SNOMED CT) für sogenannte semantische Interoperabilität. Das Deutsche Ärzteblatt beschrieb diesen Unterschied bereits 2022 am Beispiel des Mutterpasses: Als PDF muss die empfangende Stelle die Angaben händisch heraussuchen, als MIO stehen sie automatisiert zur Verfügung. Die Einschränkung liegt im Ursprung der Daten: Ein MIO kann nur so strukturiert sein wie die Erfassung, aus der es entsteht. Wird eine Anamnese weiterhin als Freitext oder auf Papier erhoben, bleibt auch das daraus erzeugte Dokument unstrukturiert – unabhängig davon, wie leistungsfähig die Akte selbst ist.
Wie ergänzt eine strukturierte digitale Anamnese ELGA und ePA?
medudoc tritt nicht in Konkurrenz zu ELGA oder ePA, sondern zu der Lücke davor: der Erfassung am Ursprung. Die intelligente Anamnese vs. digitaler Fragebogen erhebt Vorerkrankungen, Medikation und Risikofaktoren von Anfang an als strukturierte Einzelwerte statt als Freitext, prüft sie laufend auf Vollständigkeit und stellt sie über FHIR-Schnittstellen dem Krankenhausinformationssystem zur Verfügung. Ob diese strukturierten Daten anschließend zusätzlich in ELGA oder die ePA eingespielt werden, hängt von der jeweiligen KIS-Anbindung der Klinik ab – medudoc liefert die strukturierte Ausgangsbasis, die eine elektronische Akte erst zu mehr als einer Dokumentenablage macht. Der gleiche Zusammenhang zwischen fragmentierter Erfassung und vermeidbarer Mehrfacharbeit wird auch im Artikel digitale Anamnese als blinder Fleck im OP-Prozess beschrieben; wie unvollständige Vorbefunde konkret zu unnötiger Diagnostik führen können, zeigt der Artikel Doppelbefunde vermeiden durch strukturierte Anamnese.
Was bedeutet das für Kliniken, die ELGA oder ePA einführen?
Für die Klinik-IT-Leitung ergibt sich daraus eine klare Reihenfolge: Die Anbindung an ELGA oder ePA ist eine regulatorische Pflichtaufgabe und sollte unabhängig davon umgesetzt werden, wie strukturiert die eigenen Daten sind. Der eigentliche Effizienzgewinn entsteht aber erst, wenn die Klinik selbst an der Quelle – in Anamnese, Aufnahme und Prämedikationsambulanz – strukturierte Daten erzeugt, statt zusätzliche Dokumente in die Akte zu laden. Wie dieser Ansatz in den gesamten Ablauf von der Anamnese bis zur Einwilligung eingebettet ist, zeigt der digitale präoperative Workflow von medudoc. Für österreichische Kliniken ist zusätzlich die rechtliche Einordnung der Einwilligung relevant, die der Artikel Informed Consent in Österreich darstellt.
Fazit
ELGA und ePA sind ein notwendiger, regulatorisch verankerter Schritt zur Verfügbarkeit medizinischer Dokumente – ihre aktuelle Kritik betrifft nicht die Idee, sondern den Strukturierungsgrad der enthaltenen Inhalte, wie sowohl der Rechnungshof für ELGA als auch aktuelle Rückmeldungen aus der Praxis zur ePA zeigen. Eine elektronische Akte wird erst dann zu einem echten Effizienzgewinn, wenn die Daten, die in sie einfließen, von Anfang an strukturiert erfasst werden. Genau diese Aufgabe übernimmt eine strukturierte digitale Anamnese vor der Akte – nicht als Ersatz, sondern als Voraussetzung dafür, dass ELGA und ePA ihr Potenzial tatsächlich ausschöpfen.







