Validierte Risikoscores in der Prämedikation: RCRI, Duke Activity Status Index, Apfel-Score
In der Prämedikation kommen mehrere validierte Scores zum Einsatz, um Risiken vor einem Eingriff einzuschätzen: der Revised Cardiac Risk Index (RCRI) für kardiale Komplikationen, der Duke Activity Status Index (DASI) für die körperliche Belastbarkeit und der Apfel-Score für das Risiko postoperativer Übelkeit und Erbrechens (PONV). Alle drei Scores haben gemeinsam, dass ihre Aussagekraft von der Vollständigkeit der zugrunde liegenden Anamnesedaten abhängt.
Was misst der Revised Cardiac Risk Index (RCRI)?
Der RCRI wurde 1999 von Lee et al. zur Abschätzung des kardialen Risikos bei nicht-kardiochirurgischen Eingriffen entwickelt und berücksichtigt sechs Kriterien:
- Ischämische Herzerkrankung in der Vorgeschichte
- Herzinsuffizienz in der Vorgeschichte
- Zerebrovaskuläres Ereignis (Schlaganfall oder TIA) in der Vorgeschichte
- Insulinpflichtiger Diabetes mellitus
- Chronische Niereninsuffizienz (Kreatinin > 2 mg/dl)
- Hochrisikoeingriff (supra-inguinal-vaskulär, intraperitoneal oder intrathorakal)
Mit steigender Anzahl erfüllter Kriterien steigt das geschätzte Risiko für schwere kardiale Komplikationen (kardialer Tod, nicht-tödlicher Myokardinfarkt, Herzstillstand): von rund 3,9 % bei keinem Kriterium bis auf rund 15 % bei drei oder mehr Kriterien.
📖 Quelle: Lee TH, Marcantonio ER, Mangione CM et al. „Derivation and prospective validation of a simple index for prediction of cardiac risk of major noncardiac surgery.“ Circulation 1999; 100(10): 1043–1049.
Was misst der Duke Activity Status Index (DASI)?
Der DASI erfasst die körperliche Belastbarkeit anhand von zwölf Fragen zu Alltagsaktivitäten – von der Selbstversorgung bis zu sportlicher Betätigung. Der resultierende Punktwert korreliert mit der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) und metabolischen Äquivalenten (METs), die andernfalls nur über eine kardiopulmonale Belastungsuntersuchung ermittelt werden könnten. In der präoperativen Risikoeinschätzung gilt ein DASI-Wert ab etwa 34 Punkten als Hinweis auf ein niedrigeres perioperatives Risiko, während niedrigere Werte mit einem erhöhten Risiko assoziiert sind. Der DASI ersetzt keine klinische Gesamtbeurteilung, sondern ergänzt sie um eine strukturierte Einschätzung der Belastbarkeit, wo diese nicht ohnehin klinisch offensichtlich ist.
Was misst der Apfel-Score für PONV?
Der Apfel-Score schätzt das Risiko für postoperative Übelkeit und Erbrechen (Postoperative Nausea and Vomiting, PONV) anhand von vier Faktoren, die jeweils einen Punkt ergeben:
- Weibliches Geschlecht
- Nichtraucher-Status
- Vorgeschichte mit PONV oder Reisekrankheit
- Geplante postoperative Opioidgabe
Die geschätzte PONV-Wahrscheinlichkeit steigt mit der Anzahl der Punkte von rund 10 % bei keinem Risikofaktor bis auf rund 80 % bei allen vier Faktoren. Diese Werte dienen der klinischen Orientierung und werden häufig genutzt, um die antiemetische Prophylaxe ab einem Score von zwei oder mehr Punkten zu eskalieren.
| Score | Was er misst | Benötigte Anamnese-Angaben |
|---|---|---|
| RCRI | Kardiales Komplikationsrisiko | Vorerkrankungen (Herz, Niere, Diabetes, Schlaganfall), Eingriffsart |
| DASI | Körperliche Belastbarkeit | Zwölf strukturierte Fragen zu Alltagsaktivitäten |
| Apfel-Score | PONV-Risiko | Geschlecht, Raucherstatus, PONV-/Reisekrankheits-Vorgeschichte, geplante Opioidgabe |
Wie hängt die Zuverlässigkeit dieser Scores von der Anamnese ab?
Alle drei Scores basieren ausschließlich auf strukturiert erfassbaren Anamnese-Angaben – keiner erfordert eine zusätzliche apparative Untersuchung. Genau das macht sie anfällig für unvollständige Eingangsdaten: Fehlt die Angabe zu insulinpflichtigem Diabetes oder zur PONV-Vorgeschichte, lässt sich der jeweilige Score nicht korrekt berechnen, unabhängig davon, wie ausgereift die zugrunde liegende Berechnungslogik ist. Eine strukturierte digitale Anamnese, die genau diese Angaben gezielt und vollständig erfasst, ist damit die Voraussetzung für eine zuverlässige Score-Berechnung – nicht die Berechnung selbst ersetzt die ärztliche Bewertung, sondern die Datenbasis, auf der sie erfolgt, muss vollständig sein.
medudoc kann standardisierte Kennzahlen aus den erfassten Anamnesedaten berechnen und Risikofaktoren im HCP Dashboard visualisieren. Die abschließende Interpretation der Scores und die daraus abgeleitete klinische Entscheidung – etwa zur Wahl des Anästhesieverfahrens oder zur antiemetischen Prophylaxe – verbleiben vollständig bei der ärztlichen Person.
Fazit
RCRI, DASI und Apfel-Score sind etablierte, validierte Instrumente der präoperativen Risikoeinschätzung – ihre Aussagekraft hängt jedoch unmittelbar von der Vollständigkeit der Anamnese ab, aus der sie berechnet werden. Eine strukturierte digitale Anamnese liefert genau die Detailtiefe, die diese Scores voraussetzen, und schafft damit die Grundlage für eine verlässliche präoperative Risikoeinordnung.







