Ein häufiges Missverständnis in der Diskussion um digitale Gesundheitsprozesse wie die digitale präoperative Aufklärung lautet: Digitalisierung macht die Medizin unpersönlicher. Das Gegenteil ist richtig – wenn man es richtig macht. Ein durchgängig digitaler präklinischer Prozess schafft keine Distanz zwischen Arzt und Patient. Er schafft Raum: Raum für die Patienten, die persönliche Zuwendung wirklich brauchen.

Dieser Artikel zeigt, wie die Kombination aus digitaler Anamnese und intelligenter Risikoklassifizierung dazu führt, dass ärztliche Zeit gezielter eingesetzt wird – mit messbarem Effekt auf Patientenzufriedenheit und Versorgungsqualität.

1. Das Kernproblem: Alle Patienten durchlaufen denselben Prozess – unabhängig vom Bedarf

In einem traditionellen präklinischen Workflow läuft die Vorbereitung für jeden Patienten nach demselben Schema ab: Termin in der Prä-Anästhesieambulanz, Papierbogen ausfüllen, Aufklärungsgespräch, Unterschrift. Ob es sich um einen gesunden 35-Jährigen handelt, der eine unkomplizierte Knieoperation bekommt, oder um einen 72-Jährigen mit Herzinsuffizienz, Diabetes und fünf Dauermedikamenten – der Prozessablauf ist weitgehend identisch. Zwar dauert das Gespräch mit steigender ASA-Klasse und höherem OP-Risiko länger (Kieninger et al. 2018). Die Schritte aber sind für alle gleich.

Das ist strukturell ineffizient. Der unkomplizierte Patient wartet auf ein Gespräch, das in dieser Tiefe für ihn kaum notwendig wäre. Der komplexe Patient bekommt unter Umständen nicht die Zeit, die sein Fall verdient – weil der Arzt bereits beim nächsten Termin wartet.

Ärzte haben nicht zu wenig Zeit

Das Problem ist, dass die verfügbare Zeit nicht konsequent nach klinischem Bedarf verteilt wird.
Digitale Prozesse können das ändern.

2. Risikoklassifizierung durch digitale Anamnese: Wer braucht wie viel Aufmerksamkeit?

Eine strukturierte digitale Anamnese erfasst weit mehr als Namen und Geburtsdatum. Sie erhebt systematisch alle klinisch relevanten Informationen: Vorerkrankungen, aktuelle Medikation, Allergien, frühere Narkosen und deren Verträglichkeit, Familienanamnese, Rauch- und Alkoholkonsum, kardiopulmonale Symptome. Richtig aufgebaut, liefert sie eine Datenbasis, auf deren Grundlage eine vorläufige Risikoeinschätzung möglich wird – noch bevor der Patient die Klinik betritt.

Das Prinzip der differenzierten Betreuung

Auf Basis der Anamnesedaten lassen sich Patienten in Risikogruppen einteilen – vereinfacht dargestellt in drei Kategorien:

Risikogruppe Profil Empfohlener Prozess
Niedriges Risiko Jung, gesund, keine Vorerkrankungen, keine Dauermedikation, Routineeingriff – (ASA I und ASA II Patienten) Digitale Anamnese + automatisierte Aufklärung + kurzes Bestätigungsgespräch (telemedizinisch möglich)
Mittleres Risiko Einzelne Vorerkrankung, überschaubare Medikation, bekannter Eingriff – (ASA III Patienten) Digitale Anamnese + individualisierte Aufklärung + persönliches Arztgespräch
Hohes Risiko Multimorbidität, komplexe Medikation, seltener/risikoreicher Eingriff, ältere Patienten – (ASA IV und höher) Digitale Anamnese als Vorbereitung + ausführliches, fokussiertes persönliches Arztgespräch mit voller Informationsbasis

Diese Klassifizierung ist kein Ersatz für die ärztliche Beurteilung – sie ist Vorbereitung dafür. Der Arzt trifft die klinische Entscheidung. Aber er trifft sie auf Basis vollständiger, strukturierter Vorabinformationen – und nicht mehr auf Basis eines unleserlich ausgefüllten Papierbogens.

3. Der Low-Risk-Patient: Sicher begleitet, ohne unnötig Arztzeit zu binden

Ein Patient ohne relevante Vorerkrankungen, der sich einem planbaren Routineeingriff unterzieht, benötigt eine korrekte, verständliche Aufklärung – aber kein ausgedehntes Gespräch. Er hat keine komplexen Rückfragen zu Wechselwirkungen, keine besonderen Risiken, keine spezifischen Bedenken.

In einem digital unterstützten Prozess kann dieser Patient vollständig begleitet werden, ohne das ärztliche Zeitkontingent wesentlich zu belasten:

  • Digitale Anamnese zuhause: vollständig, geprüft, strukturiert übermittelt
  • Automatisch generierte Aufklärung: individualisiert auf Basis der Anamnesedaten, mit Video-Erklärung und digitalem Bogen
  • Elektronische Einwilligung: rechtssicher, mit Consent-Trail und Zeitstempel
  • Kurzes Bestätigungsgespräch: der Arzt bestätigt die Vollständigkeit, klärt eventuelle Rückfragen – in wenigen Minuten

Das Ergebnis: Der Low-Risk-Patient ist gut informiert, rechtssicher aufgeklärt und optimal vorbereitet – und das mit einem Bruchteil des Zeitaufwands eines klassischen Präsenztermins.

In vielen Prä-Anästhesieambulanzen gehört erfahrungsgemäß ein großer Teil der Patient:innen zur Gruppe mit niedrigem bis mittlerem Risiko. Wenn für diese Gruppe digitale Prozesse die Hauptlast tragen, wird Zeit frei – gezielt für Patient:innen mit erhöhtem Betreuungsbedarf.

Dr. med. univ. Max Rechenmacher

4. Der High-Risk-Patient: Mehr Zeit, bessere Vorbereitung, höhere Qualität

Hier liegt der eigentliche Gewinn des Modells. Ein Patient mit komplexer Anamnese – Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz, Antikoagulation, mehrfache Voroperationen – braucht ein echtes Gespräch. Er hat Fragen. Er hat Ängste. Er braucht einen Arzt, der zuhört, abwägt und erklärt.

In einem nicht-digitalisierten System ist dieser Patient einer von vielen Terminen an diesem Vormittag. Oft fehlen Unterlagen und Befunde: Am Universitätsklinikum Regensburg waren sie der häufigste Grund, eine OP-Freigabe nur unter Vorbehalt oder gar nicht zu erteilen (Kieninger et al. 2018).

In einem digital unterstützten System betritt dieser Patient das Gespräch anders:

  • Der Arzt kennt die Anamnese bereits vollständig – strukturiert aufbereitet, mit automatisch markierten Risikofaktoren
  • Die Aufklärung wurde vorab individualisiert – der Patient hat sich bereits informiert, kennt die wesentlichen Risiken
  • Das Gespräch beginnt inhaltlich – nicht mit der Frage „Welche Medikamente nehmen Sie?“
  • Die gewonnene Zeit fließt in klinische Tiefe – Risikoabwägung, Alternativendiskussion, persönliche Begleitung

Das ist nicht nur effizienter. Es ist bessere Medizin. Der komplexe Patient bekommt mehr von dem, was er braucht: ärztliche Aufmerksamkeit, fundierte Entscheidungsbegleitung, das Gefühl, wirklich gesehen zu werden.

Digitalisierung bedeutet nicht,
dass Ärzte weniger gebraucht werden

Eine effiziente Digitalisierung sorgt dafür, dass Ärzt:innen für das gebraucht werden, wofür sie ausgebildet wurden – nicht für stupide Dateneingabe, Dokumentation und Papiermanagement, sondern für gezielte Behandlungen und Risikobewertungen.

5. Patientenzufriedenheit als Ergebnis – nicht als Zufallsprodukt

Patientenzufriedenheit entsteht nicht durch aufwändige Maßnahmen. Sie entsteht, wenn Patienten das Gefühl haben: Ich bin gut informiert. Ich werde ernst genommen. Mein Fall wird individuell behandelt.

Ein durchgängig digitaler präklinischer Prozess adressiert genau diese drei Dimensionen:

„Ich bin gut informiert“

Der Patient erhält seine Aufklärung vorab – nicht als trockenes Formular, sondern als verständliches Video mit begleitendem Bogen. Er kann sich in Ruhe informieren, Abschnitte wiederholen, Fragen notieren. Übersichtsarbeiten zeigen bei multimedialer Aufklärung höhere Wissenswerte; einen konsistenten Effekt auf die präoperative Angst fanden sie nicht (Kinnersley et al. 2013, Farrell et al. 2014).

„Ich werde ernst genommen“

Wenn ein Patient in die Prä-Anästhesieambulanz kommt und der Arzt seinen Fall bereits kennt – seine Vorerkrankungen, seine Medikamente, seine Bedenken aus dem Vorab-Fragebogen – sendet das ein klares Signal: Wir haben uns vorbereitet. Ihr Fall ist uns wichtig. Das ist ein qualitativer Unterschied zu einem Gespräch, das mit dem Satz beginnt: ‚Können Sie mir kurz erzählen, warum Sie hier sind?‘

„Mein Fall wird individuell behandelt“

Die Aufklärung ist nicht generisch – sie ist auf den konkreten Eingriff, die konkreten Risikofaktoren und die konkrete Situation des Patienten abgestimmt. Das erhöht nicht nur die rechtliche Qualität der Einwilligung, sondern auch das subjektive Erleben des Patienten.

Messbarer Effekt: In einer prospektiven Studie am Universitätsklinikum Würzburg sank die mediane ärztliche Gesprächszeit vor Cholezystektomie mit videoassistierter Aufklärung von 8,1 auf 1,5 Minuten (−81 %); Verständnis und Zufriedenheit der Patient:innen blieben hoch. (Quelle: Leicht et al., World J Surg 2026)

Fazit: Digitalisierung als Instrument für mehr Menschlichkeit

Die Frage ist nicht, ob Kliniken und Praxen digitale Prozesse einführen sollen. Die Frage ist, ob sie es so tun, dass es der Versorgungsqualität wirklich nützt.

Ein durchgängiger digitaler präklinischer Prozess – von der strukturierten Vorab-Anamnese über die individualisierte Aufklärung bis zur elektronischen Einwilligung – ist kein Automatismus, der den Arzt ersetzt. Er ist ein Instrument, das ärztliche Zeit dorthin lenkt, wo sie den größten Wert schafft: beim komplexen Patienten, im echten Gespräch, in der klinischen Entscheidung.

Für den Low-Risk-Patienten bedeutet das: vollständige, verständliche Begleitung ohne unnötige Wartezeiten. Für den High-Risk-Patienten: mehr Zeit, mehr Tiefe, mehr Qualität. Und für das gesamte Team: ein Prozess, der Ressourcen schont und Zufriedenheit – auf beiden Seiten des Tisches – systematisch erzeugt.